Zermürbendes Material in radikalen Bildern

Zermürbendes Material in radikalen Bildern

„Zwang des Materials“ am Theater Paderborn

Katharina Kreuzhage inszeniert intime Schicksale mit charakterlosen Rollen. Zusammenhanglose Versatzgeschichten geben die Innensicht des Terrornetzwerks IS und den „metastasierenden“ Krieg wieder und werden emotionslos in narrativen Textformen dargestellt. Dabei kommen tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele zum Vorschein: wie durch Indoktrination von Seiten des IS Mordmonster erschaffen, wie selbstverständlich und naiv Befehle befolgt und martialische Maßnahmen vorgenommen werden, wie die Frau durch Zwangsheirat, Prostitution und Vergewaltigung verschmäht wird.

Szene des Stücks "Zwang des Materials", Foto: Meinschäfer

Szene des Stücks "Zwang des Materials", Foto: Meinschäfer

Kreuzhage arbeitet mit einfachen Elementen, um Fokus auf die Geschichten zu legen und diese wirken zu lassen. Kein spektakuläres Bühnenbild, nur zwei Kostümwechsel: Ein widerstandsloser offener Umzug auf der Bühne vom Brautkleid in grell-orangefarbene Hinrichtungsanzüge; der andere während eines intensiven, todesstillen Moments der Burka-Zeremonie.

Die Figuren werden durchgängig durch einen ohrenbetäubenden Buzzer kontrolliert und zurechtgewiesen. Dieser unterbricht die Geschichten rücksichtslos und wirkt übermächtig auf die Figuren ein. Er zwingt sie, mitten im Satz innezuhalten und lässt nicht zu, dass einzelne Schicksale zur vollständigen Entfaltung kommen – so als wäre das einzelne Individuum nicht wert, zu Ende gedacht zu werden.

Gerade aufgrund so radikaler Bilder, wie etwa ein Mann im Brautkleid mit einer Kalaschnikow in den Händen, oder aufgrund peitschender Momente des Ausbruchs, so etwa ein hemmungsloser Tanz der einzigen Schauspielerin, kann eine erbarmungslose Inszenierung auf die Bühne gebracht werden, in der sich der Zuschauer auf unbekanntes Terrain begibt und spätestens nach der Hälfte nicht anders kann, als sich darauf einzulassen. Hier tritt ein Schauspieler an die Bühnenrampe und richtet sich mit einem ausgekoppelten Monolog direkt ans Publikum. Er betont, dass sich diese Geschichten exakt so abspielen und dass man, gerade weil man Freiheiten, seine eigene Meinung haben und seine Sexualität ausleben kann, die Augen vor dem Terrorismus nicht verschließen dürfe.

Jeder einzelne wird sich am Ende überfordert auf seinem noch nicht warmgesessenen Sitzplatz wiederfinden, denn so unvermittelt die Vorstellung begonnen hat, umso intensiver wirkt und umso schneller endet sie.

Zermürbender, zum Denken anregende Terror komprimiert auf eine Stunde!

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