„Weiße Menschen können sich mit Rassismus auseinandersetzen, schwarze Menschen müssen dies tun“1

„Weiße Menschen können sich mit Rassismus auseinandersetzen, schwarze Menschen müssen dies tun“1

Ein Interview mit der Studentin Sofanit Mahel über das Bewusstsein der Deutschen für Alltagsrassismus und wie wir diesen überwinden können

Rassismus in Deutschland: Bereits letzte Woche haben wir dieses Thema im Titelartikel thematisiert. Dazu hatte ich die Studentin Sofanit Mahel um eine schriftliches Interview gebeten. Eigentlich hatte ich nur einige Sätze erwartet- doch die ausführlichen Antworten zeugen davon, wie viel Sofanit zu sagen hat und wie eingehend sie sich mit dem Thema beschäftigt. Die 25-Jährige studiert Sozialwissenschaften, und hat leider auch schon viele rassistische Erfahrungen gemacht.

Auch hier in Paderborn finden weiterhin Kundgebungen gegen Rassismus statt, die vom Bündnis Gegen Rechts organisiert werden. Weitere Infos findet ihr unter Instagram @bgr_paderborn. Quelle: Pixabay
Auch hier in Paderborn finden weiterhin Kundgebungen gegen Rassismus statt
die vom Bündnis Gegen Rechts organisiert werden.
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universal: Sofanit, danke dass du Dich zum Abdrucken dieses Interviews bereit erklärst. Die Rassismus-Debatte ist in Deutschland zuletzt wieder verstärkt in den Fokus gerückt. Oft geht es hier um Alltagsrassismus, jedoch ist dieser auch oft struktureller Art. Wie hast du persönlich Rassismus in Deutschland erfahren, und wie würdest du diesen einordnen?

Sofanit: Da viele Menschen sich nicht über die Formen vom Rassismus bewusst sind, möchte ich zunächst kurz auf diese eingehen. Es gibt grob gesagt vier: Institutioneller Rassismus meint Richtlinien oder Praktiken, die rassistische Standards innerhalb eines Arbeitsbereichs oder einer Organisation stärken. Bei der zweiten Form, dem interpersonalen Rassismus, handelt es sich um rassistische Handlungen und Mikroangriffe von einer Person auf eine andere. Struktureller Rassismus bezeichnet mehrere Institutionen, die gemeinsam rassistische Richtlinien und Praktiken vertreten. Die letzte Dimension, internalized (=„verinnerlichter“) Rassismus meint sowohl subtile als auch offene Botschaften, die negative Überzeugungen und den Selbsthass bei Individuen verstärken. Ich habe bisher keinen institutionellen Rassismus erfahren, zumindest nicht bewusst. Meine rassistischen Erfahrungen gehen jedoch von Beleidigungen und Ausrufen wie „Ölauge“, „Scheiß Ausländer“ oder „geh zurück in dein Land“ auf offener Straße bis hin zu Gewaltandrohungen, wenn eine Freundin und ich nicht augenblicklich das S-Bahn-Abteil verlassen. Es gab durchaus angsteinflößende Situationen, die mich bis heute prägen. Es gibt auch einige Erfahrungen, die noch tief vergraben in mir sitzen. Auch Komplimente dafür, wie gut ich deutsch sprechen kann oder der Hinweis, dass es kein Schweinefleisch ist, nach der generellen Frage nach Fleisch im Essen, zeigen, wie tief rassistische Muster und Gedanken sitzen können. Auch wenn ich mir vom Kopf her sage, dass die meisten Bemerkungen keiner bösen Absicht entspringen, suggerieren Fragen wie „Wo kommst du wirklich her?“ jedes Mal wieder, dass ich exotisch oder anders bin. Sei es auch aus reinem Interesse, gibt es einem das Gefühl, auf keinen Fall deutsch sein zu können, egal wie „deutsch“ man sich selbst fühlt.

universal: Wie stehst du zur aktuellen Rassismus-Debatte in Deutschland, die im Zuge der Proteste in den USA nach dem Mord an George Floyd durch einen Polizisten neu aufgeflammt ist?

Sofanit: Ich finde sie wichtig und notwendig, schon lange. Ich glaube, dass viel zu oft bei rassistisch motivierten Taten weggesehen wird. Auch habe ich das Gefühl, dass bei Rassismus Diskussionen einige Leute dazu neigen, Rassismus zu relativieren oder als nicht existent anzusehen. Das Geschehen in Amerika hat sicherlich dazu geführt, dass sich (wieder) mehr Menschen mit diesem Thema beschäftigen. Es sollte aber nicht als Hype oder Trend wahrgenommen werden, weil es das nicht ist! Rassismus ist nach wie vor allgegenwärtig. Jeder ist ein Teil von Rassismus. Daher muss nun versucht werden, die Frage zu klären, was jeder Einzelne dagegen unternehmen kann.

universal: Was denkst du zum Bewusstsein der Deutschen was Rassismus angeht, auch im Hinblick auf den Skandal der Sendung Maischberger. Zu einer Sendung über Rassismus wurden ausschließlich Weiße eingeladen – auf die Kritik folgte Unverständnis.

Sofanit: Ich habe diese Frage einmal meiner Dozentin, deren Forschungsschwerpunkt unter anderem Theorien und Entwicklungen des Rassismus ist, in ähnlicher Form gestellt. Sie glaubt, dass sich viele Menschen nicht mit Rassismus beschäftigen, weil sie meinen, dass es sie nicht betrifft oder sie einen sehr engen Begriff von Rassismus haben, den sie als überwunden ansehen. Ich glaube, das erklärt es gut. „Weiße Menschen können sich mit Rassismus auseinandersetzen, schwarze Menschen müssen dies tun (Schule, Behörden, Bewerbung, racial profiling etc.).“ (Marz 2020: 206) Die Betroffenheit von Rassismus macht einen jedoch nicht zum Experten oder zu einer Expertin. Zum Skandal der Sendung Maischberger denke ich, dass man die Möglichkeit hätte nutzen sollen, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst weniger gehört werden. Autor*innen oder Expert*innen mit Migrationshintergrund wären daher definitiv angebrachter gewesen. (...) Natürlich ist nicht jeder Streit, jede Meinungsverschiedenheit, jede Kritik oder Ähnliches Rassismus. Klar dürfen PoC (People of Color) kritisiert werden, aber nicht wegen ihrer Hautfarbe. Für Klarheit kann hier gesorgt werden, wenn man sich mit Definitionen von Rassismus auseinandersetzt. (…) Menschen, die sich gerne mal intensiver mit der Thematik auseinandersetzten möchten, kann ich folgende Literatur empfehlen: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten von Alice Haruko, Sprache und Sein von Kübra Gümüşay, Exit Racism von Tupoka Ogette und Kritik des Rassismus. Eine Einführung von Dr. Ulrike Marz.

universal: Und, natürlich nur wenn du das teilen willst: Was löst das rassistische Verhalten in dir aus, wie fühlst du dich damit und wie gehst du damit um?

Sofanit: Es löst diverse Gefühle aus, zum Beispiel Wut, Trauer, Enttäuschung. Ich habe mich oft allein gefühlt. (...) Heute gehe ich mit solchen Situationen anders um als noch vor über 10 Jahren (...). Ich habe es mir damals mehr zu Herzen genommen und mir durchaus gewünscht, einfach weiß zu sein, damit ich diese Probleme nicht mehr habe. Es ist schwierig gewesen, sich selbst zu akzeptieren und zu mögen mit den „generellen“ Problemen, mit denen man sich in der Pubertät rumschlägt, wenn das noch dazu kommt.

1 Marz, Ulrike (2020). Kritik des Rassismus, Eine Einführung (1. Auflage). Schmetterling Stuttgart

„Stop Racism“ forderten viele Demo-Teilnehmenden, Quelle: Pixabay
„Stop Racism“ forderten viele Demo-Teilnehmenden, Quelle: Pixabay

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