Kommentar: Nicht einmal Olympia ist sicher

Kommentar: Nicht einmal Olympia ist sicher

Man sollte meinen, inzwischen wäre die Welt wieder in Ordnung. Von ein paar unbelehrbaren Malle-Urlaubern, bayrischen Gemüsefarmern und Fleischfabrikanten mal abgesehen, haben wir hierzulande die Pandemie doch ganz gut in den Griff gekriegt. Die Betonung liegt hier aber ausdrücklich auf „hierzulande“. Denn schon ein kurzer Blick über den Teich zeigt, dass die Welt mit „dem großen C“ noch immer zu kämpfen hat. Die USA präsentieren momentan fast jeden Tag Rekordzahlen für Neuinfektionen. Und was schon in Deutschland den „normalen“ Sportbetrieb an den Rand des Zusammenbruchs trieb, wird im globalen Kontext noch schwieriger.

Stand heute, sage ich ganz ehrlich, kann ich es mir nicht vorstellen.
Ich glaube,niemand will sich jetzt in den Flieger setzen und nach New York fliegen.“
Angelique Kerber

Doch fangen wir unsere Rundreise durch die Welt des Sports und die Schwierigkeiten, mit denen sie aktuell kämpft, mit dem Klassiker an: Die Bundesliga hat es weltweit als erste geschafft, ihre Saison zu beenden. Das ist – gerade in der Form WIE es geklappt hat – lobenswert. Aber es brachte und bringt weiterhin die Sportler an ihre Grenzen. Alle Teams haben eine sehr kurze Sommerpause. Besonders kritisch wird das Ganze aber für die verbliebenen fünf Europacup-Teilnehmer. Zwar hatten sie seit dem Ende der Liga beziehungsweise dem Pokalfinale jetzt ein paar Tage frei, die Finalturniere der UEFA bereiten den Teams dennoch Sorgen. Denn gute Ergebnisse vorrausgesetzt spielen sie dann bis Ende Mai 2021 durch und danach steht ja auch noch die verschobene EM auf dem Spielplan. Die längste Pause in diesem Zeitraum dauert etwas über zwei Wochen und ist die zwischen dem Champions-League-Finale und der 1. Runde im DFB-Pokal. Die Winterpause wiederum fiel den Bemühungen zum Opfer, möglichst schnell in den bekannten Terminrhythmus zurückzukommen, mit einem Saisonende im Mai. Und so nötigen DFL, UEFA und FIFA die Spieler im „worst case“ des maximalen Erfolges dazu, in diesem gesamten Zeitraum im Schnitt alle vier Tage zu spielen. Auch die besttrainierten Profis kommen dabei an oder über ihre Belastungsgrenze, zumal ihnen ein Szenario droht, wo etwa zwischen dem Pokalfinale und dem 33. Spieltag der Bundesliga nur ein Ruhetag liegt. Von der auch in der neuen Saison gegebenen Möglichkeit, bis zu fünfmal zu wechseln, dürfte daher wohl rege Gebrauch gemacht werden.

Aber immerhin haben die Fußballer damit noch nicht das Problem, dass sich wichtige Termine überschneiden. Denn genau das ist im Radsport der Fall. Fast die gesamte Saison wurde auf den Zeitraum August bis November zusammengestaucht. Das hat zur Folge, dass sich der Giro d‘Italia nicht nur mit den wichtigen „Monumenten“ überschneidet, sondern auch mit der Spanien-Rundfahrt. Wer sich Chancen auf Weltmeistertitel ausrechnet, sollte es sich dagegen zweimal überlegen, die Tour de France zu bestreiten, denn auch hier gibt es Terminprobleme. Zeitfahrspezialisten werden es dieses Jahr wohl nicht nach Paris schaffen, denn das WM-Zeitfahren steigt am Schlusstag der Tour. Für die Fahrer bedeutet das einerseits, dass sie ihre Topform weniger lange aufrecht erhalten müssen. Andererseits werden die einzelnen Rennen darunter leiden, denn sie werden insgesamt weniger prominent besetzt sein, da sich die Topstars zwischen ihnen entscheiden müssen.

Auch die großen Tennisturniere werden auf Topstars verzichten müssen. In Frankreich ist die Lage soweit unter Kontrolle, dass bei den French Open sogar Zuschauer zugelassen werden. Nach der Absage von Wimbledon ist das Turnier in Roland Garros der dritte und letzte Grand Slam des Jahres, er wurde auf den 27. September bis 11. Oktober verlegt. Vorher stehen aber noch die US-Open auf dem Programm. Vom 31. August bis 13. September soll hier gespielt werden. Ob das Turnier aber tatsächlich stattfindet, ist aktuell aber fraglicher denn je. Das Vorbereitungsturnier in Washington wurde bereits abgesagt, jenes in Cincinnati ebenfalls nach New York verlegt. Allein die dortigen Zahlen überschreiten aber bereits das aktuelle Niveau in Deutschland. Zwar haben die Veranstalter inzwischen ein Hygienekonzept präsentiert, die Spieler stehen einer Teilnahme aber verständlicherweise noch skeptisch gegenüber. So erklärte Deutschlands Nummer eins Angelique Kerber in einem dpa-Interview jüngst: „Stand heute, sage ich ganz ehrlich, kann ich es mir nicht vorstellen. Ich glaube, niemand will sich jetzt in den Flieger setzen und nach New York fliegen.“

Ganz besonders deutlich wurden die Auswirkungen der Pandemie auf den Sport an diesem Freitag (24.7.). Denn da hätte die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Tokio stattfinden sollen. Wie alle anderen Großereignisse auch wurden die Spiele zunächst um ein Jahr verlegt. Selbst an der Austragung in zwölf Monaten regen sich aber erste Zweifel. Nicht zuletzt der japanische Premier Abe betonte, Olympia 2021 könne es nur mit einem Impfstoff geben. Und genau daran wird man den Erfolg des weltweiten Kampfes gegen das Virus am besten messen können. Niemand, weder die Organisatoren, noch die Sportler noch die Fans wollen olympische Spiele ohne Zuschauer. Ein sicheres Konzept für die Sportler ist das Eine. Im Gegensatz zur Bundesliga hängt von den Spielen aber noch viel mehr ab als nur die wirtschaftlichen Interessen der Teilnehmer. Bei der Gründung der modernen olympischen Bewegung war die Völkerverständigung eines der Kernziele. In diesem Sinne wären die Spiele von Tokio 2021 mit Zuschauern aus aller Welt ein wichtiges Signal, dass die Menschheit gemeinsam die größte globale Krise seit dem zweiten Weltkrieg erfolgreich bewältigt hat.

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