Kommentar: Vergesst „die da oben“, rettet die da unten

Kommentar: Vergesst „die da oben“, rettet die da unten

Wir erleben gerade ein massives Déjà Vu. Zum zweiten Mal innerhalb von acht Monaten ging Deutschland in den corona-bedingten Lockdown und mit ihm auch große Teile des Sports. Große Teile, nicht aber der Profisport. Weltweit laufen die großen Ligen weiter, wenn auch ohne Zuschauer. Für diese Konstellation gibt es gute Gründe, die Verhältnismäßigkeit darf dennoch in Frage gestellt werden.

Corona-bedingt bleiben die meisten Sportplätze im Moment leer. Foto: rb
Corona-bedingt bleiben die meisten Sportplätze im Moment leer. Foto: rb

Betrachten wir an dieser Stelle einmal mehr nur den Fußball. Wenn man führende Virologen fragen würde, welche Liga sie am ehesten weiterspielen ließen, wäre das natürlich die Bundesliga. Und das völlig zurecht: Durch ihr Hygiene-Konzept hat die DFL eine Blase geschaffen, in der sich 523 Spieler sowie ihre Betreuer sammeln. In den während des Lockdowns leeren Stadien lassen sich zwischen zwei Teams die Kontakte auf ein Minimum beschränken, ohne Zuschauer werden an dieser Stelle zehntausende weitere Kontakte verhindert.

Fehlende Einnahmen an den Spieltagen reißen ebenso ein Loch in die Kassen der Klubs wie die infolge der Pandemie sinkenden Sponsoreneinnahmen. Alleine Borussia Dortmund rechnet für die laufende Saison mit einem Minus von bis zu 75 Millionen Euro. Die Proficlubs können sich jedoch noch auf weitere Einnahmequellen verlassen, die wichtigste davon sind die Übertragungsrechte. Ab der kommenden Saison gilt ein neuer TV-Vertrag, der den Klubs der ersten und zweiten Bundesliga insgesamt rund eine Milliarde Euro pro Jahr beschert. Ohne diese Gelder sind die Klubs inzwischen nicht mehr überlebensfähig, wie die Unterbrechung der Saison im März eindrücklich zeigte.

In den unteren Ligen sieht das natürlich anders aus. 145.000 Mannschaften aller Altersstufen spielen im Amateurbereich jedes Wochenende um Punkte. Im Sinne der Kontaktvermeidung war es also unvermeidlich, den Spielbetrieb hier zu unterbrechen. Zwar sind zumindest im Kreis Paderborn die Vereine und Zuschauer für ihre Disziplin bei der Umsetzung von Hygienemaßnahmen und Rückverfolgung zu loben. Dennoch blieb ein Risiko, das sich angesichts steigender Inzidenzzahlen nicht mehr ignorieren ließ.

Finanziell trifft das die Amateurvereine jedoch deutlich härter. Ihr Notnagel besteht nicht aus milliardenschweren TV-Verträgen sondern aus Mitgliedsbeiträgen. Eine Erhebung der „Zivilgesellschaft in Zahlen“ ergab, dass im Schnitt 56 Prozent des Budgets von Amateurvereinen durch die Mitgliedsbeiträge getragen werden. Weitere 16 Prozent bringen die selbst erwirtschafteten Mittel in die Kassen, dazu zählen der Verkauf von Speisen und Getränken im Vereinsheim oder am Platz, Eintrittspreise oder kostenpflichtige Angebote wie etwa Seminare und Workshops. Diese fallen nun also erneut über mehrere Wochen, wenn nicht Monate, weg und stellen viele Vereine vor existentielle Probleme. Umso wichtiger ist es, auch diese Teams wieder spielen zu lassen, nicht nur im Fußball. Es sollte auch im Interesse der Profiteams sein, Solidarität mit den kleinen Klubs zu zeigen und sie zu unterstützen. Denn es sind diese Vereine an der Basis, auf denen der Erfolg der großen Teams fußt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der beim TSV Tudorf ausgebildete Alexander Nübel, dessen Weg über den SC Paderborn und Schalke 04 nun zum FC Bayern führte.

Und so profitiert letztlich auch die Nationalmannschaft vom Amateurfußball. Auf diesem Niveau lässt sich die Verteidigung mit dem Argument, es gehe um das (wirtschaftliche) Überleben, nicht mehr anwenden. Für den DFB sind es Pflichtspiele. An die Adresse der UEFA muss aber die kritische Frage erlaubt sein, welchen Sinn es hat, die Spieler für einen umstrittenen Wettbewerb, der nur Freundschaftsspiele ersetzen sollte, inmitten einer Pandemie quer über den Kontinent zu jagen. Zumal diese noch das Risiko eingehen, bei ihrer Rückkehr zu den Klubs in Quarantäne gehen zu müssen und so ein wichtiges Ligaspiel zu verpassen. So entsteht nicht nur ein Konflikt zwischen Vereinen und Verbänden, es ist auch in Zeiten weitreichender Einschränkungen des öffentlichen Lebens der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln. Wenn die Bundesliga in der Priorität von Verbänden und Politik ganz oben steht, sollte die Nations League ganz unten rangieren. Immerhin hat die deutsche Nationalmannschaft am vergangenen Dienstag (17.11.) in Sevilla eindrucksvoll gezeigt, wie wenig ihr dieser Wettbewerb aktuell bedeutet. Dieser jungen Mannschaft fehlt offensichtlich nicht die Qualität, gegen Topteams zu bestehen und sie spielt auch nicht gegen ihren Trainer. Der Gedanke alleine wäre geradezu absurd.

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