Womit verschwendest du deine Zeit?

Womit verschwendest du deine Zeit?

Es kommt tatsächlich vor, dass ich ein Seminar habe und auch noch nach Verlassen des Zoom-Meetings darüber nachdenke, was wir da heute so besprochen haben. Erst diese Woche gab es das wieder. In einem meiner Seminare behandeln wir das Thema „Schreiben über Glück“. Was Glück bedeutet und wie darüber in der Literatur berichtet wird. Soviel sei gesagt: Es sieht nicht gut aus für das Glück, denn über das Glück zu schreiben ist anscheinend langweilig. Zumindest finden das viele
Schriftsteller so.

Auch ohne einen weisen Kalenderspruch ist das ein schönes Foto. Foto: lin
Auch ohne einen weisen Kalenderspruch ist das ein schönes Foto. Foto: lin

Trotzdem ist das Thema Glück irgendwie fast überall immer dabei. Auf unterschiedliche Weise, sei es dadurch, dass es fehlt oder gesucht wird oder verloren wurde. Im Seminar in dieser Woche tritt das Glück auf in einer Situation, in der man das eher nicht vermuten würde. Wer Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ kennt, der weiß, wovon ich spreche. Ein Mann, der mit nicht einmal 50 Jahren erfährt, dass er einen Hirntumor hat und dieser unheilbar ist. Von diesem Punkt an schreibt er wie verrückt. Auch davor hat er geschrieben und auch schon Bücher veröffentlicht, aber sehr erfolgreich war er nicht unbedingt. Jetzt, im Angesicht des nahenden Todes, kann er sich Perfektion nicht mehr leisten und tut einfach nur das, was er am liebsten tut: Schreiben. Und das unter anderem in Form eines Blogs, auf dem er in der Art eines öffentlichen Tagebuchs von sich und seiner Krankheit schreibt. Nach seinem Tod wird dieser Blog als Buch veröffentlicht. „Arbeit und Struktur“ heißt es, denn das scheint das zu sein, was ihn durchhalten lässt in seinem Alltag. Etwas wie Glück kann er im Schreiben finden, weil es das ist, was er am liebsten tut und was ihm die Struktur gibt, die er braucht in diesen letzten Jahren vor seinem Tod. Dass man dieses produktive Schreiben mit dem Tod vor Augen nicht verherrlichen darf, davor warnt uns die Dozentin. Obwohl man das natürlich in der Literatur immer wieder findet, dass Leiden und die daraus entstehende Kunst mehr Stoff bieten als glückliche Menschen, die keine Kunst erschaffen oder Kunst, aus der kein Leiden erkennbar ist.

Was will ich wirklich?

Ich liebe es, wenn mich das, was ich in der Uni lerne, auch noch nach Ende eines Seminares verfolgt. Nicht, weil ich darüber eine Prüfung oder Seminararbeit schreiben muss, sondern einfach, weil es mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Natürlich kam im Seminar die Frage auf: Wenn ich jetzt unheilbar krank bin, was will ich dann noch vorher tun oder erleben? Eigentlich wage ich es nicht, diesen Gedanken auszuführen, auch wenn mir direkt wichtige Dinge in den Kopf schießen. Aber ist es nicht für die meisten von uns viel wichtiger, sich zu fragen: Was will ich machen, wenn ich nicht weiß, wann es zu Ende ist oder auch dann, wenn ich fest davon ausgehe, 80 gesunde Jahre auf dieser Erde zu verbringen? Wenn man diesen Gedanken weiter spinnt…dann kann man daraus solch wertvollen Schlüsse ziehen.

Eine kleine Freude, die mir die Barista gemacht hat. Foto: lin
Eine kleine Freude, die mir die Barista gemacht hat. Foto: lin

Unser Leben ist nur eine Sekunde

Vor einigen Tagen habe ich einen Podcast gehört, in dem über die Evolution des Menschen erzählt wurde. Wenn man sich die anschaut, ist ein Menschenleben nur eine Sekunde. Nicht mal das, wenn man sich die Entstehung der ganzen Erde anschaut. Und wenn ich nur so wenig Zeit zur Verfügung habe…wieso verschwende ich die dann mit einer schlechten Serie oder dem Betäuben von Gefühlen oder mit Menschen, die mir nicht guttun? Dann sollte ich doch lieber jeden Tag nutzen. Und nein, „Yolo“ und jeden Tag wie den letzten leben ist keine gute Idee, weil sich dann vermutlich die Wäsche stapeln würde und staubsaugen würde ich an meinem letzten Tag auf dieser Erde auch nicht. Aber ich würde, wenn mir meine Endlichkeit bewusster ist, vielleicht eher das tun, was ich liebe. Ich würde mich nicht mit einer Rolle zufriedengeben, die ich spiele, weil es so leichter ist.

Rendezvous mit dem Tod

Der Schriftsteller Walter Kaufmann spricht davon, dass man besser lebe, wenn man ein Rendezvous mit dem Tod ausmache. Ich stelle mir vor, dass er damit meint, dass man nicht glücklich sein kann, wenn man so tut, als wäre der Tod so weit weg, dass wir ihn getrost vergessen können. Und dass man auch nicht glücklich sein kann, wenn man sich verrückt macht, weil der Tod hinter jeder Ecke lauern kann. Er fragt: „Warum sollte ich mich bis zum letzten Augenblick betrügen und erst dann gierig Anblicke, Geräusche und Gerüche verschlingen, wenn es fast zu spät ist?“. Das vergesse ich zu oft. Dass das wundervolle Leben nicht erst irgendwann beginnt. Dass es jetzt ist. In jedem Augenblick, in allem was ich mag oder nicht mag, in allem was mich traurig macht oder nachdenklich oder fröhlich. Das ist das Leben. Und es ist verdammt kurz, aber genau richtig, wenn man sich seiner Endlichkeit und seiner Möglichkeiten bewusst ist.

Quellen:

„Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf
Walter Kaufmann: Sterben ohne Illusion. In: „Glück und Moral“, Reclam 2011.
Podcast: Statements aus Seide von Enissa Amani, Folge „Gerechtigkeit und Tráfico de narcóticos“

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