Interview: Herausforderung Online-Lehre, lange Version

Interview: Herausforderung Online-Lehre, lange Version

Dr. Anna-Katharina Kurpiers lehrt seit 2019 am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften. Sie ist Lehrkraft für besondere Aufgaben und ihr Kurs „Sprache in den sozialen Medien“ wurde im Juli 2020 von der Stabstelle Bildungsinnovationen und Hochschuldidaktik als Beispiel für Good Practice in der Online-Lehre ausgezeichnet.

Dr. Anna-Katharina Kurpiers, Foto: Dr. Anna-Katharina Kurpiers
Dr. Anna-Katharina Kurpiers, Foto: Dr. Anna-Katharina Kurpiers

universal: Wie hast du denn die letzten Semester in der Online-Lehre erlebt?

Dr. Kurpiers: Ja, das ist eine gute Frage. Also es war so ein bisschen ein Auf und Ab, würde ich sagen. Am Anfang war es sehr extrem stressig, weil man ja noch gar nicht wusste: wird es online, wird es nicht online? Wie lange wird es online bleiben? Ich weiß noch, dass ich dann echt ganz schön viel zu tun hatte, um das alles möglichst gut vorzubereiten, weil ich dann auch wollte, dass es den Studierenden dann schon direkt klar ist, wie das Seminar dann aussieht und sich das nicht alles erst so im Verlauf des Semesters ergibt. Ein paar Sachen ließen sich natürlich nicht vermeiden, wie ein paar Videos, die ich dann aufgenommen habe, also vertonte Präsentationen. Aber ich wollte das Gerüst schon stehen haben und das hat mich am Anfang echt ziemlich unter Druck gesetzt. Das hat sich dann so in den weiteren Semestern, die sich dann noch drangehangen haben, noch so ein bisschen „erleichtert“.

universal: Gibt es denn etwas, was du als besonders negativ oder besonders positiv empfunden hast?

Dr. Kurpiers: Also als besonders negativ, um mal damit anzufangen, habe ich ein bisschen die Entwicklung der E-Mail-Kommunikation zwischen Studierenden und Dozenten wahrgenommen. Ja, es ist natürlich viel mehr geworden, das ist ja natürlich durch die Situation. Ich vermisse immer mehr so ein bisschen Respekt und Verständnis auch für die Situation der Dozenten. Ich sehe absolut ein, dass die Situation für die Studierenden schwierig ist. Aber für uns ist es halt auch alles ganz anders und wir müssen uns auch umgewöhnen und von uns gibt es auch Leute, die privat vielleicht durch die Situation auch eingeschränkt sind, die Kinder oder betroffene Angehörige haben. Das ist halt nicht nur das Problem auf Seiten der Studierenden. Und das würde ich mir manchmal wünschen, dass das so ein bisschen im Kopf behalten wird und dass E-Mails halt auch nicht so ein Tool sind, wo man 24/7 zeitnah eine Antwort vorraussetzt. Das wäre so der Punkt, der mir als erstes in die Richtung negativ einfällt. Natürlich macht man sich auch so seine Gedanken, zum Beispiel die Hausarbeiten, die man jetzt so bekommen hat in den letzten Semestern so im Vergleich zu anderen, wobei man das immer echt mit Vorsicht genießen muss, weil natürlich auch die Gruppen immer unterschiedlich sind. Man kann jetzt nicht per se sagen, dass sie schlechter geworden sind, wobei die Tendenz meiner Meinung nach dazu geht, aber ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die Fehlversuche jetzt nicht als Fehlversuche zählen und dass viele dann denken „Komm, ich gebs jetzt einfach mal ab vielleicht gehts ja durch“. Sodass man da vielleicht so ein bisschen eine Verschiebung hat zu Arbeiten, wo man denkt „Da wäre mehr drin gewesen...“

universal: Lässt du denn bei den Studierenden mehr durchgehen oder bewertest du noch genau so streng?

Dr. Kurpiers: Ich glaube, dass ich ein bisschen mehr durchgehen lasse. Obwohl ich auch höre, dass ich im Vergleich zu anderen doch noch strenger bin. Aber ich finde, es gibt gewisse Grenzen und Anforderungen, die erfüllt sein müssen. Und wenn die halt nicht erfüllt sind, dann hat auch das Argument „Corona“ dann keine Kraft mehr, weil die meisten meiner Studierenden wollen Lehrer werden, das heißt die sind in ein paar Monaten oder Jahren selber in der Situation zu bewerten und vielleicht verstehen die das spätestens dann (lacht). Ich glaube schon, dass ich eher mal ein Auge zu drücke, aber dass es einfach Grenzen gibt. Und weil es dann auch nicht als Fehlversuch zählt, denke ich dann, bevor ich noch zwei Stunden nachdenke, ob das jetzt eine vier oder eine fünf ist und mein Gefühl die ganze Zeit sagt: „Es ist eine fünf“, dann ist es jetzt auch eine fünf. Aber wie gesagt, ich habe von anderen gehört auch in Bezug auf Deadlines, dass ich dann doch eher strenger bin als andere. Aber damit kann ich leben (lacht).

universal: Fehlt dir die Präsenzlehre sehr? Und wenn ja, was fehlt dir besonders? Uns Student*innen fehlt der Kontakt zu unseren Kommilliton*innen ja sehr häufig. Ist das bei dir auch so, dass dir der Kontakt zu Kolleg*innen fehlt? Also einfach mal so plauschen auf dem Flur oder so.

Dr. Kurpiers: Ja, aber das habe ich zuerst tatsächlich nicht so wahrgenommen. Das kommt jetzt erst so ein bisschen. Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich im normalen Tagesgeschäft, ich habe ja acht Seminare, kaum Zeit hab für sowas. Ich bin entweder im Seminarraum und gebe ein Seminar oder ich muss irgendwas vorbereiten oder bin in so Sitzungen, die „on top“ kommen, also so Arbeitsbereich-Besprechungen oder manchmal auch ein Kolloquium. Ich habe dafür echt praktisch wenig Zeit, weil ich zwischen den Seminaren ja z. B. noch essen muss. Es ist immer irgendwie etwas vorzubereiten und diese halbe Stunde zwischen den Seminaren wird dann echt kurz, wenn man auch noch von A nach B muss. Deswegen, ja das wäre schon schön, wenn man teilweise Kollegen öfter sehen könnte, aber ich habe da sonst im Tagesgeschäft auch nicht so viel Zeit für. In Bezug auf die Präsenzlehre ist es aber so, dass man ja ein bisschen näheren Kontakt zu den Studierenden hat und auch mal ein Gesicht dazu hat. Das fällt ja jetzt total weg, außer man trifft sich mal zur Sprechstunde, was ja aber nicht so häufig vorkommt. Wenn man sich mal ausrechnet, acht Mal 40 oder sogar mehr Studierende, ich kann nicht mit allen mal ein Gespräch führen und ich habe leider zu ganz vielen einfach kein Gesicht.

universal: Auch weil du ja gerade die Vorbereitung der Kurse angesprochen hast, bei uns Studierenden ist es ja häufig so, dass sich über den höheren Arbeitsaufwand für z. B. aqts beklagt wird, weil jetzt mehr schriftliche Aufgaben abgegeben werden müssen. Wie hat sich denn dein Arbeitsalltag verändert? Ist es noch genau so viel, gibt es irgendwelche sehr großen Veränderungen, dass etwas ganz anders gemacht werden muss?

Dr. Kurpiers: Meinst du jetzt in Bezug auf meinen Alltag bei der Seminarvorbereitung?

universal: Ja, zum Beispiel.

Dr. Kurpiers: Ja, also es hat sich tatsächlich sehr verschoben, weil es sonst so war, dass ich natürlich in den Semesterferien viel vorbereitet habe, aber eher so konzeptionell und noch nicht so sehr konkrete Sitzungen. Das habe ich dann oft so von Woche zu Woche oder vielleicht auch mal so zwei Wochen im Voraus gemacht. Also wirklich die Präsentation oder das was ich in der Sitzung machen möchte. Einfach weil man ja auch darauf reagieren muss, was in der aktuellen Sitzung passiert und teilweise auch aus Zeitnot. Da kann man wirklich sehr schwer schon in den Semesterferien jede Sitzung vorbereiten. Und das ist jetzt schon anders, weil ich habe jetzt hauptsächlich die Semesterferien für die grobe bis feine Vorbereitung genutzt. Und das, was ich sonst noch hauptsächlich in den Semesterferien gemacht hab, also zum Beispiel Hausarbeiten lesen, das rutscht dann eher in die Vorlesungszeit mit rein, zusätzlich zu den Sachen, die dann noch anfallen. Also Sachen für die aqts, die dann abgegeben werden müssen und so. Wobei ich ja auch eine gute Hilfskraft habe, die viel abfangen kann. Ich bin aber auch kein Verfechter davon, dass für eine aqt jede Woche irgendwas abgegeben werden muss, also jetzt aus konzeptioneller Sicht sehe ich da für die Studierenden den Sinn nicht, wenn normales Präsenzseminar wäre, könnte ich von denen auch nicht jede Woche kontrollieren, ob die wirklich was gemacht haben oder irgendwas einsammeln. Weshalb ich das auch jetzt nicht so gerechtfertigt finde, so viele schriftliche Leistungen dafür einzufordern.

universal: Und jetzt mal so vom Unialltag abgesehen, du bist ja nicht nur Dozentin, sondern auch Mensch, wie geht es dir denn so in der Pandemie-Situation?

Dr. Kurpiers: Das ist auch so ein Prozess gewesen, muss ich sagen. Also am Anfang war das ja alles noch voll neu irgendwie und man hatte zwar vielleicht schon das dumpfe Gefühl “Naja, so wie es einem weis gemacht wird, im Herbst ist es dann alles irgendwie gut” so kann das eigentlich nicht sein. Das war mir eigentlich am Anfang schon klar. Aber es war halt alles noch so offen und neu und deswegen fand ich es anfangs auch ehrlich gesagt nicht so schlimm. Bis eben auf diese Sache, wie mache ich das mit der Lehre? Aber so rein privat bin ich glücklicherweise nicht so stark eingeschränkt. Also zum Beispiel diese Fahrt von mir nach Paderborn, das die erstmal wegfiel, fand ich erstmal gar nicht so unangenehm. Dass ich dadurch auch Zeit hatte für Sachen, für die ich ganz lange keine Zeit mehr hatte, fand ich auch ganz gut. Aber jetzt langsam werde ich auch “coronamüde”, so langsam reicht es wirklich. Das wäre so meine Zusammenfassung davon.

universal: Wir sind jetzt auch schon fast am Ende mit dem Interview. Gibt es noch irgendwas, was du loswerden möchtest?

Dr. Kurpiers: Also für mich ist besonders lustig, dass ich, wenn dieses Semester zu Ende ist, schon länger in der digitalen Lehre tätig bin als ich vorher in Paderborn normal Lehre gegeben habe. Ich habe erst im April 2019 angefangen und war dann quasi zwei Semester “normal” da und jetzt schon im dritten Semester so. Ich bin ziemlich gespannt, wie es dann erstens im Winter weitergeht und wenn es wieder Richtung Normalität geht, wie es sich dann anfühlt. Und wie es dann vor allem in den Seminaren weitergeht. Man hört ja von Studierendenseite, dass die Präsenz fehlt, der Kontakt. Dabei ist dann ja manchmal auch nicht nur der Kontakt zu den anderen Studenten gemeint, sondern auch so Präsenz im Sinne von normale Seminartätigkeit, oft mit dem Hintergedanken, dass es vielleicht doch gar nicht so viel Aufwand war, wie man früher immer dachte, weil jetzt eben viel mehr Aufwand empfunden wird. Und ich bin gespannt, ob sich das dann eben auch niederschlägt im Verhalten und im Seminar.

universal: Dann vielen Dank, dass ich dich interviewen durfte!

Dr. Kurpiers: Gerne.

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