Schneeträume

Schneeträume

Wenn es schneit, bin ich wieder ein kleines Mädchen. Ich laufe zum Fenster und freue mich umso mehr, wenn die Flocken ganz dick sind und den Eindruck erwecken, dass sie länger liegen bleiben als ein paar Minuten. Und beim ersten Schnee denke ich zurück an Februar 2021...

Der Hund liebt den Schnee. Foto: lin
Der Hund liebt den Schnee. Foto: lin

Schon mehr als ein halbes Jahr arbeite ich hauptsächlich im Homeoffice und besuche Online-Seminare. Jeder Tag ist gleich: Aufstehen, an den Schreibtisch, mir wünschen, dass alles wieder normal ist, sobald ich mal wieder aus einem Zoom-Seminar geworfen werde oder ein Kollege Geburtstag hat und keinen Kuchen mitbringt, weil er nicht ins Büro geht. Und dann stehe ich an einem Morgen Anfang Februar auf, alles ist weiß und es hört nicht auf, zu schneien. Und es wird Montag und mein Freund muss bei mir bleiben, denn auf den Straßen ist kein Durchkommen. Wir sitzen in meiner kleinen Wohnung, noch nie habe ich so viel Schnee erlebt. Drinnen ist es gemütlich, umso mehr, wenn wir vorher durch den tiefen Schnee gestapft sind. Mit dem Hund, dem der Schnee bis zum Bauch reicht und der ganz begeistert ist und voller Freunde durch den Schnee hopst, buddelt, sich auf den Rücken wirft und einen Schnee-Hunde-Engel macht. Es ist ruhig draußen, wenige Autos fahren und der Schnee schluckt alles, den Lärm, den Schmutz. Nachbarn sind draußen, Schnee wird gefegt, es wird sich in deutscher Manier beschwert, aber diesmal geht es nicht um zwei Zentimeter Schnee und die Verspätung des Padersprinters, sondern diesmal geht es um Schneemassen, die man bekämpfen muss, so, dass der Gehsteig frei bleibt und der Vorgarten vom Nachbarn auch.

Durch unsere kleine Straße fährt kein Räumfahrzeug und die Nachbarn müssen ihre Autos selbst frei schaufeln. Und das haben wir getan, alle zusammen. Die Pandemie ist in dieser Zeit kein Thema. Es geht darum, mit anzupacken. Alle Nachbarn helfen mit, man kommt ins Gespräch, gezwungenermaßen, aber es hat sich schön angefühlt. Gemeinschaft, wie man sie mindestens seit Beginn der Pandemie nicht mehr erleben durfte.

Wenn es so viel schneit, verlangsamt sich die Zeit. Der Verkehr ist langsamer, nur Wenige sind unterwegs. Verspätungen sind normal. Rennen oder hetzen geht nicht, die Gefahr, auszurutschen, ist zu groß. Menschen können nicht zur Arbeit fahren oder nach Hause, man muss sich damit abfinden, dass man da, wo man ist, nicht mehr so schnell wegkommt. Niemand erwartet, dass in diesen Tagen großartige Dinge entstehen, jeder ist mit der Gewalt der Natur konfrontiert und sieht: Ich kann nichts anderes tun, als zu warten.

In diesen Tagen habe ich also zuhause gesessen, mein Freund ist bei mir geblieben, weil er nicht über die Landstraßen kam, wir waren warm und sicher, wir haben Schnee geschoben und alle paar Stunden den Weg zum Haus gefegt. Wir sind spazieren gegangen mit dem Hund und als der Schnee begann, zu schmelzen, war ich ein bisschen wehmütig. Aber irgendwann wird es wärmer, der Schnee ist nicht mehr rein und weiß, sondern verschmutzt von den Autos, die wieder fahren und den Menschen, die nicht länger warten können, weil ja alles wieder weitergeht und es schnell vorangehen muss mit allem.

Ist es verwerflich, dass ich mir heimlich wünsche, dass diesen Winter wieder so viel Schnee fällt oder vielleicht wenigstens halb so viel? Dass man vielleicht wieder ein wenig Gemeinschaftsgefühl erlebt mit den Nachbarn, die mit grimmiger Miene, zwischen spielenden Kindern, den Schnee von den Gehsteigen fegen? Ich glaube, das könnte uns momentan allen ganz guttun.

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